Allgemeines
Die Dakryozystitis ist eine bei Kaninchen häufig auftretende Entzündung der Tränenkanälchen, des Tränensacks und des Tränennasenkanals mit Ausfluss aus dem Auge, der eitrig aber auch klar, schleimig oder eitrig-schleimig sein kann.
Augenausfluss beim Kaninchen sollte immer ernst genommen und tierärztlich abgeklärt werden.
Im frühen Stadium kann der Augenausfluss leicht übersehen werden, da ein Partnertier den Ausfluss wegputzt und das Problem daher nicht so leicht zu erkennen ist.
Wichtig ist es, das Tier frühzeitig bei einem*einer Tierarzt*in vorzustellen, denn ist die Dakryozystitis erst chronisch geworden, ist sie nur noch schwer behandelbar und es kommt häufig zu Rezidiven, d. h. die Krankheit kehrt immer wieder zurück. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Entzündung der tränenableitenden Wege zu Abszessen hinter dem Auge oder zu Entzündungen im Knochen führt.
Übertragung/Ursache
Die häufigste Ursache für eine Dakryozystitis ist eine Zahnproblematik: Entzündungen der Zahnwurzel, damit ist die im Zahnfleisch liegende Wachstumszone des Zahnes gemeint, greifen oft auf den dort sehr nah verlaufenden Tränennasenkanal über oder eine Verlängerung der Zahnwurzel engt den Tränennasenkanal (TNK siehe Röntgenbild) ein bzw. es wird ein mechanischer Druck ausgeübt, was zu einem Sekretstau führt, der einen guten Nährboden für Bakterien bildet. Der TNK beim Kaninchen verläuft vom Augenwinkel des Unterlids, mündet seitlich innerhalb der Nase und sitzt teilweise sehr dicht an den Zahnwurzeln, vor allem an zwei der Prämolaren (Prämolare und Molare bilden zusammen die Backenzähne der Kaninchen), der beiden vorderen Backenzähne im Oberkiefer und der Schneidezähne.

Eine Dakryozystitis kann auch genetisch bedingt sein. Kaninchen mit sehr runden Köpfen und kurzen Nasen, haben oft einen verengten TNK, bei dem Sekret nicht gut abfließen kann wodurch es somit leichter zu bakteriell bedingen Entzündungen kommen kann.

Eine Entzündung kann auch durch einen Fremdkörper, der in den TNK eingedrungen ist, entstehen. Es ist auch möglich, dass sich aus dem Auge abfließender Eiter zusammenballt und sich eine Art kleiner Steinchen bildet, die der Biegung des TNK oftmals kurz vor der Nase festsetzen.
Weitere Gründe sind: chronischer Schnupfen, durch den sich ein Rückstau von Sekreten bilden kann, der den TNK verengt, und es kommt zur Besiedelung mit Bakterien, die eine Entzündung verursachen oder Infektionskrankheiten wie z. B. Myxomatose oder auch allergische Reaktionen.
Andere Erkrankungen des Auges wie Bindehautentzündung (Konjunktivitis) oder Hornhautentzündung (Keratitis) können dazu führen, dass die Entzündung auch auf den TNK übergreift.
Symptome und Verlauf
Symptome einer Dakryozystitis, die an beiden Augen oder nur an einem auftreten kann sind:
- zunächst klarer Augenausfluss, der dann milchig-weiß und oft dickflüssig wird, bei schweren Verläufen quillt Eiter aus dem Auge
- als Folge davon schmierige und krustige Ablagerungen rund um das Auge
- durch den ständigen Augenausfluss können kahle Stellen vor dem Auge entstehen (Alopezie), die krustig werden, wenn sie sich entzünden
- gerötete Bindehaut
- oft verdickte Augenlider durch eine Entzündung
- möglich sind auch entzündliche Veränderungen der Hornhaut
- Schwellungen unterhalb des Auges durch Sekretstau im Tränennasenkanal, die zum Auge aufsteigen können
- Nasenausfluss
- bei gleichzeitigem Vorliegen einer Bindehautentzündung, Veränderungen an Hornhaut, Lederhaut, Lidbindehaut
- reißt der TNK kann es zu Fistelbildungen im umliegenden Gewebe kommen
- kahle Stellen im Fell um das Auge herum
- das Kaninchen kneift das Auge krampfartig zu (Blepharospasmus)
- Niesen ist ein häufiges Symptom bei einer Dakryozystitis, da Entzündungen des TNK auch zu Atemwegsinfekten führen können
Diagnostik
Die Dakryozystitis kann durch die typischen klinischen Symptome erkannt werden, die schon bei der in Augenscheinnahme des Tiers bemerkbar sind. Um die Ursache der Augenerkrankung herauszufinden, ist weitere Diagnostik erforderlich.
Zunächst sollte der TNK gespült werden, um festzustellen, ob er noch durchgängig ist.
Vor allem ist eine gründliche bildgebende Zahndiagnostik bei einem*einer kaninchenkundigen Zahntierarzt*in sehr wichtig. Dabei sollte ein Zahnröntgen (in mindestens vier Ebenen), ein CT, oder DVT gemacht werden, um eine Zahnwurzelproblematik als Ursache ausschließen zu können. Mittels Kopfröntgen nach Gabe eines Kontrastmittels in den TNK kann herausgefunden werden, an welcher Stelle der TNK verengt oder ganz verlegt ist. Dabei wird in den Tränenpunkt des Kaninchens unter Narkose ein Kontrastmittel, das Jod enthält, eingeführt. Diese Methode wird meist dann eingesetzt, wenn andere Untersuchungen keinen eindeutigen Befund ergeben haben.
Es wird ein Abstrich von Sekret aus der Tiefe nach Spülung des TNKs für eine bakterielle Untersuchung in einem Labor genommen, um den Erreger bestimmen und ein darauf abgestimmtes Antibiotikum finden zu können.
Mit dem Schirmer-Tränen-Test 1 kann die Menge der Tränenflüssigkeit mittels eines speziellen Teststreifens, der in das untere Augenlid zwischen Bindegewebe und Hornhaut geklemmt wird, gemessen werden. Dies ist für das Kaninchen nicht schmerzhaft. Nach einer Minute kann das Ergebnis abgelesen werden. Der Test wird genutzt, um zu schauen, ob zu wenig Tränenflüssigkeit produziert wird und das Auge deshalb chronisch entzündet ist (Keratokonjunctivitis sicca).
Die Lunge und das Herz des Tieres sollten abgehört werden, da eine Dakryozystitis auch zu Atemwegsinfekten führen kann.
Das Auge wird mit dem hydrophilen (wasserlöslichen) Farbstoff Fluoreszein angefärbt, um eine Verletzung der Hornhaut zu erkennen oder auszuschließen.
Behandlung
Das Auge wird gereinigt und 2–5 x täglich mit geeigneten antibiotischen Augentropfen, die auf den zuvor bestimmten Erreger der Entzündung abgestimmt sind, behandelt. Bei sehr dickflüssigem Augenausfluss können schleimlösende Tropfen angewandt werden. Die Inhaltsstoffe Acetylcystein (ACC) und Bromhexin verflüssigen den Eiter, sodass das Antibiotikum besser wirken kann. Die schleimlösenden Tropfen sollten ca. 15 Minuten vor der Gabe der antibiotischen Tropfen verabreicht werden, eine gleichzeitige Gabe ist nicht zu empfehlen. Für die Behandlung einer Entzündung des TNK sind Augentropfen besser geeignet als Salben, diese können den TNK verstopfen und gelangen nicht weit genug hinein.
Sollte die Dakryozystitis auf eine Zahnproblematik zurückzuführen sein, wird eine alleinige Behandlung mit Antibiotika nur kurzfristig Erfolg haben, eine Zahnbehandlung ist zwingend nötig.

Ist die Ursache der Dakryozystitis auf eine Zahnproblematik zurückzuführen ist die Zahnbehandlung bei einem*r spezialisierten Tierarzt*in erforderlich. Drücken sich die Zahnwurzeln in den Kieferknochen (retrogrades Zahnwachstum), wird das Kaninchen in Narkose gelegt und die Zähne werden so weit runtergeschliffen, dass sie für einen kurzen Zeitraum nicht zum Kauen genutzt werden können. Dadurch soll das retrograde Zahnwachstum gestoppt und der Druck auf den TNK genommen werden. Befinden sich Abszesse an der Zahnwurzel müssen die betroffenen Zähne u. U. gezogen werden. Werden die Zähne fachgerecht saniert, verschwindet nach einiger Zeit auch der Augenausfluss.
Bei einer chronischen Erweiterung des Tränennasenkanals (wenn die Entzündung nicht zeitnah behoben wird, kommt es zu dieser), kann eine langfristige intensive Behandlung mit Tropfen zum Erfolg führen, oftmals ist eine Kombination mit einem systemischen (im ganzen Körper wirkenden) Antibiotikum (im Idealfall eines, dass eine ähnliche Wirkstoffgruppe wie die Tropfen hat), hilfreich.
Zeigt das Kaninchen deutliche Schmerzanzeichen, ist die Gabe eines systemischen entzündungshemmenden Schmerzmittels angezeigt. Der Wirkstoff Meloxicam z. B. wirkt schmerzstillend und abschwellend, was die Heilung fördert.
Verklebungen im Fell rund um das Auge können vorsichtig mit einem feuchten Tuch abgetupft werden, damit sie sich lösen und danach mit einem Flohkamm ausgekämmt werden. Dies sollte gemacht werden, damit harte Fellbüschel das Auge nicht zusätzlich reizen können.
Sehr wichtig ist die Spülung des TNKs. Dazu wird Eine Knopfkanüle mit Spülflüssigkeit mit einem dünnen Venenkatheter in den Tränenpunkt am Unterlid eingeführt. Dazu wird keine Narkose benötigt, lediglich die Augen werden lokal mit Tropfen betäubt. Kommt die Spülflüssigkeit wieder zur Nase heraus, ist der TNK durchgängig. Ist das nicht der Fall, muss mit bildgebender Diagnostik die Ursache für die Verlegung des TNK gefunden werden.
Schutz
Eine gute Hygiene der Umgebung, in der die Kaninchen gehalten werden, ist wichtig: Es sollte immer rechtzeitig die Einstreu gewechselt werden, damit der Ammoniak aus dem Urin nicht die Augen und Atemwege reizen kann. Staubarme Einstreu trägt ebenfalls zur Entlastung bei, da so weniger Verklebungen um das Auge herum entstehen können. Während der akuten Phase kann es sinnvoll sein, Buddelmöglichkeiten einzuschränken, um Verklebungen zu verhindern.
Im sehr seltenen Fall, dass die Dakryozystitis tatsächlich rein allergiebedingt ist, was durch sehr gründliche Diagnostik abgeklärt werden muss, können pflegende Augentropfen als dauerhafte Gabe hilfreich sein.
Eine artgerechte Ernährung zur richtigen Abnutzung der Zähne und zum Schutz vor zu hohem Druck auf die Zahnwurzeln, ist wichtig, um Zahnwurzelentzündungen zu verhindern, die sich auf den TNK auswirken können.
