
Guck mal wie niedlich, ein Kaninchenkind!
Keine Frage, junge Kaninchen sind niedlich und aus genau diesem Grund werden immer wieder viel zu junge Kaninchen in Zoohandlungen, von Züchter*innen oder in Kleinanzeigen angeboten. Die Jungtiere lassen sich besser verkaufen und vielleicht sogar zu einem höheren Preis.
Oftmals entwickeln Kaninchen, die zu früh von der Mutter und den Artgenossen getrennt wurden, gesundheitliche Probleme oder haben Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion mit dem Partnertier oder in einer Gruppe. Dieses Verhalten wurde in Studien mit Rhesusaffen und Meerschweinchen untersucht und die Ergebnisse lassen sich auch auf Kaninchen übertragen.
Bis zur 12. Lebenswoche werden wichtige Grundsteine für ein gesundes und glückliches Kaninchenleben gelegt. Bei einer zu frühen Abgabe leiden das Immunsystem und die Sozialkompetenz der Tiere.
Gesundheit
Auch wenn Kaninchenbabys schon ab der vierten Lebenswoche in der Lage sind, eigenständig Futter aufzunehmen und nach 28 Tagen theoretisch ohne Mutter leben könnten, trinken sie dennoch bis zur achten Woche und auch darüber hinaus Milch von der Mutter, die zur Stärkung des Immunsystems benötigt wird. Werden die Tiere zu früh abgegeben, kann das noch nicht ausgereifte Immunsystem durch einen Ortswechsel, eine Futterumstellung und eine Vergesellschaftung Schaden nehmen, was lebenslange gesundheitliche Probleme begünstigt.
Kaninchenjunge fressen auch den Blinddarmkot der Mutter. Die darin enthaltenen Bakterien tragen dazu bei, dass die Jungtiere eine gesunde Darmflora entwickeln, die wichtig zur Vorbeugung von Störungen im Verdauungsapparat der Tiere ist.
Sozialverhalten
Die kleinen Kaninchen erlernen in der Prägungsphase, die ca. bis zur 12. Lebenswoche dauert, wichtige Fähigkeiten, um sich später einen Platz im Rudel (in der Natur) oder in der Gruppe bzw. mit einem Partnertier zu erobern. Am besten geeignet sind dafür Gruppen mit erwachsenen Tieren beiderlei Geschlechts. Zu früh aus der Gruppe getrennte Tiere können später unverträglicher sein und Schwierigkeiten haben, einen Platz in der Rangfolge zu finden. Es kann zu starken Rangkämpfen, gesteigerter Aggression und starkem Bedrängen der Weibchen kommen. Diese Tiere haben erhöhte Cortisol-Werte, stehen also unter größerem Stress. Babykaninchen kuscheln und spielen viel mit den Geschwistern. Ein älteres Tier, zu dem ein zu junges Kaninchen kommt, kann diese Gesellschaft nicht ersetzen.
Züchter*innen behaupten öfter, dass Häsinnen ihre Jungen angreifen und verstoßen und sie deshalb frühzeitig getrennt werden müssten. Dieses Verhalten kommt tatsächlich vor, aber nur, wenn die Häsinnen mit ihren Jungen in viel zu kleinen Wurfboxen leben müssen, in denen sie von den Babys ständig bedrängt werden und es dann zu Aggressionen kommen kann, weil das Muttertier unter ständigem Stress steht und sich nicht zurückziehen kann. Werden die Tiere artgerecht mit ausreichend Platz gehalten, kommt so etwas nicht vor.
Ein schlecht entwickeltes Sozialverhalten kann zwar später in gewissem Rahmen erlernt werden, was aber mit Aufwand und Stress verbunden ist und ein Risiko gesteigerter Aggression bleibt bestehen.
All diese Gründe sprechen für eine Abgabe erst mit mindestens 12 Wochen, besser noch mit 14 oder 16 Wochen. Das ist auch im Interesse der neuen Halter*innen, da diese doch ein gesundes und sozial verträgliches Tier bekommen möchten.
Unbedingt beachten: Die Geschlechtsreife
Kleine Kaninchenrassen sind schon ab der 12. Woche geschlechtsreif und somit zeugungsfähig. Um unerwünschten Nachwuchs zu vermeiden, sollten die männlichen Tiere unbedingt frühkastriert werden. Meist wird dies in der 11. Lebenswoche gemacht. Bei einer Frühkastration entfällt die sonst nötige Kastrationsfrist von sechs Wochen, die Böckchen können bei der Mutter und den Schwestern bleiben und müssen nicht getrennt und später vergesellschaftet werden.
