Ich war um die 15 Jahre alt, als ich das erste Mal mit Kaninhop in Kontakt kam. Seit meinem vierten Lebensjahr bin ich begeisterte Kaninchenhalterin. Mit den Jahren kam auch immer mehr Einsicht und somit Verbesserungen in der Kaninchenhaltung. So erschien mir Kaninhop geradezu wie ein Wink des Schicksals. Ich war nämlich gerade dabei zu entdecken, dass man die Langohren nicht nur toll beobachten, sondern sich auch mit ihnen beschäftigen kann. Da kam eines Tages eine sehr gute Freundin um die Ecke. Mit der Erkenntnis, es gäbe einen Kaninhopverein fast um die Ecke. Sie sei dort jetzt Mitglied. Ich solle doch mal zum nächsten Training mitkommen und mir das Anschauen. Das sei wie bei den Hunden das Agility, nur mit Kaninchen. Nur eine halbe Stunde Autofahrt sei der Verein entfernt. So überredete ich meine mäßig begeisterte Mutter und wir fuhren gemeinsam zum nächsten Training.
Dort angekommen erwartete uns eine kleine, viereckige Halle. Mit Wellblechdach umkleidet glich sie eher einem übergroßen Toilettenhaus als dem Kaninchenparadies schlechthin. Doch das trübte meine pseudo-romantischen Vorstellungen nicht und so betrat ich zusammen mit meiner Freundin und ihren beiden Kaninchen die Halle.
Drinnen angekommen stellte sie mir der Trainer vor. Ein mittsechziger Mann, leidenschaftlicher Kaninchenzüchter. Und glaubt man den begeisterten Mitgliedern des Vereins, so wusste dieser Mann einfach alles über Kaninchen und ihre Bedürfnisse.
In der Mitte der Halle waren drei Reihen mit Gitterboxen aufgestellt, ca. 12 Boxen pro Reihe – für die Zuchtausstellungen, die hier regelmäßig stattfinden, erklärte man mir später.
Um die 20 Personen mit ihren Kaninchen mussten wohl für die Kaninchen eine unglaubliche Reizüberflutung gewesen sein. Die Tiere, welche gerade nicht mit Springen an der Reihe waren, standen an der Seite und warteten in ihren Transportboxen.
Ebenso gab es vier Springparcours: eine gerade Bahn für die Anfänger, eine gerade Bahn für Klassenprüfungen, sowie zwei verschiedene Parcours. Alle Hürden waren unterschiedlich gestaltet und bunt bemalt. Überall standen Transportboxen. Und überall sprangen die niedlichsten Kaninchen über die Hürden. Ich war sofort hin und weg von den fliegenden Ohren.
Das alles diene der artgerechten Auslastung der Kaninchen. Es fördere sie sowohl körperlich als auch geistig. Zudem werde die Bindung zwischen Kaninchen und Besitzer*in enorm gestärkt. Und Kaninchen wurden doch zum Hoppeln und Springen geboren. Was sollte bitte dann an Kaninhop verkehrt sein?
In den darauffolgenden Wochen besuchte ich die Trainingsstunden regelmäßig. Immer mit dabei waren meine beiden Widder-Schwestern Leonie und Estrella. Während Leonie spielend leicht verstand, was man von ihr wollte und auch gut auf die sehr fragwürdigen Trainingsmethoden reagierte, blockte Estrella völlig ab. Flach lag sie auf den Boden gedrückt. Der Trainer betitelte dies als faul und kniff dem armen Kaninchen in beide Seiten. Das sei eine „Starthilfe“, meinte er. Ich protestierte wohl vehement genug und er ließ mein Kaninchen in Ruhe. So kam es, dass Estrella in seinen Augen unbrauchbar war, aus seiner Sicht würde sie immer lediglich die Bahn blockieren.
Mit Leonie hingegen schaffte ich eine Klassenprüfung und ein Turnier. Natürlich landeten wir beim Turnier nicht auf dem ersten Platz, aber für mich stand der Spaß im Vordergrund. Dass es Leonie in dem Moment nicht genauso ging, verstand ich viel zu spät.
Die Klassenprüfung bestand aus acht Hürden mit einer Höhe von 25 cm. Leonie sprang sie alle hintereinander weg. Was war ich stolz auf mein kleines Langohr. Zur Belohnung bekam ich eine Urkunde und somit die Erlaubnis an Turnieren teilzunehmen.
Ein solches fand auch einige Wochen später in der selben Halle statt, in der wir auch trainierten. Ich meine es waren um die 30 teilnehmende Kaninchen. Die meisten aus unserem Kaninhopverein, einige aber auch von auswärts. Es gab einen Parcours, welcher möglichst schnell in einer kurzen Zeit überwunden werden musste. Jede Runde wurden die Hürden erhöht. Überschritt man eine bestimmte Zeit oder eine Zahl von Fehlerpunkten, schied man aus. Leonie und ich wurden 24. Es gab auch hier eine Urkunde und 500g Haferflocken.
Wie alle anderen „Kaninhopper*innen“ auch, träumte ich von der Teilnahme an der Landes- oder gar Europaweltmeisterschaft.
Während meiner Zeit im Kaninhopverein kam ich natürlich auch mit den Thema Geschirr beim Kaninchen in Berührung. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Privatpersonen anbieten, eurem Kaninchen Geschirre auf Maß anzufertigen. Es gab die verschiedensten Stoffarten, aber auch Ausführungen: H-Geschirr, Holländergeschirr und viele mehr. Es war eine überraschend große Auswahl.
Als ich mit unserem Trainer darüber sprach, dass ich meinen Kaninchen das Geschirr-Tragen erst angewöhnen muss, lachte er bloß. Das käme beim Springen ganz automatisch. Er hätte es in all den Jahren nicht einmal erlebt, dass ein Kaninchen das Geschirr störte.
Neben den offiziellen Trainingsstunden, bastelten meine Freundin und ich zuhause an diversen Hindernissen. Wir trainierten zuhause immer ganz ohne Leine und Zwang. Wer nicht wollte, durfte etwas anderes machen. Im Nachhinein betrachtet war das wohl die einzige Zeit mit Kaninhop, welche auch den Kaninchen zugutekam.
Mit meiner Zeit im Kaninhop-Verein häuften sich die Ereignisse, die mich zum Nachdenken anregten. Parierten die Tiere nicht, wurden sie am Nackenfell oder gar an den Ohren hochgenommen. Während des Turnieres strangulierte sich ein Kaninchen mit der Leine und musste dann später in der Klinik erlöst werden. Daraufhin fing ich mich an zu weigern meinen Tieren ein Geschirr und die Leine anzulegen. Ich wollte ohne weiter trainieren. Zudem hinterfragte ich immer mehr den hochgelobten Trainer. Bis ich eines Tages postalisch aus dem Verein geworfen wurde. Ich würde mich vermehrt nicht mehr an Vereinbarungen halten. So endete meine Kaninhop Zeit. Nicht einmal ein Jahr nachdem sie begonnen hat. Doch war ich in diesem Jahr um so viele Erfahrungen reicher geworden.
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