Vergesellschaftung

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Was ist eine Vergesellschaftung/Zusammenführung, wie funktioniert sie und warum ist sie nötig?

Früher, als die Menschen noch glaubten, man könnte ein Kaninchen allein oder mit einem Meerschweinchen halten, stellte sich diese Frage nicht. Doch heute wissen zum Glück die meisten Menschen: Kaninchen sind Gruppentiere und dürfen deshalb niemals einzeln gehalten werden! Auch wenn ein Tier stirbt und das andere traurig zurück bleibt, sollte man schnellstmöglich einen neuen Partner suchen. Denn normalerweise trauert es nicht um den Partner selbst, sondern es betrauert seine Einsamkeit.

Eine Zusammenführung von zwei Kaninchen, die sich noch nicht kennen, ist nicht immer einfach. Aber es lohnt sich! Kaninchen verfügen über ein komplexes Sozialverhalten und eine strenge Hierarchie. Das eine Kaninchen kann daher nicht einfach zu dem anderen gesetzt werden. Dies artet bei bereits geschlechtsreifen Kaninchen in schlimmen unkontrollierten Streitigkeiten aus, da das bereits vorhandene Kaninchen sein Revier, wenn nötig, mit allen (!) Mitteln verteidigt. Eine Zusammenführung muss deshalb auf „Kaninchenart“ passieren.

1. Die passende Kombination: Wer passt zu wem?

2. Wichtiges, was man vor vorher wissen sollte…

  • Nimm dir viel Zeit. Manchmal dauert eine Zusammenführung länger als geplant. Es kann Tage oder sogar Wochen dauern, bis die Tiere einwandfrei miteinander auskommen. Im Idealfall legt man die Zusammenführung auf ein langes Wochenende oder auf den Urlaub.

  • Halte die Notrufnummer des Tierarztes bereit. Meist wird sie nicht gebraucht, aber sicher ist sicher. Ebenso ist eine Kaninchenapotheke (Wundendesinfektionsspray) vorteilhaft.

  • Viele Zusammenführungen scheitern an den zu nervösen oder unerfahrenen Besitzern. Kein Kaninchenhalter sieht gerne, wie sein Tier gestresst und mit ausgerissenem Fell in der Ecke sitzt. Aber man muss stark bleiben oder sich einen Freund mit starken Nerven dazu holen. Dies ist sowieso empfehlenswert, da evtl. eingegriffen werden muss. (Nur mit Handschuhen!) Bleibe immer ruhig –  egal, was passiert. Die Atmosphäre überträgt sich auf die Tiere!

  • Nur gesunde und muntere Kaninchen dürfen an die Startbahn! Vor der Vergesellschaftung sollten alle Tiere untersucht und eine Kotprobe abgegeben werden, damit sie nicht durch eine Krankheit benachteiligt sind oder sich gegenseitig anstecken.

  • Bis die Zusammenführung abgeschlossen ist, dürfen die Tiere nicht getrennt werden, sie bleiben die ganze Zeit über im gleichen Gehege (auch nachts).

  • Die Kaninchen sollten vor der Zusammenführung mindestens 3 Wochen keinen Riech- und Sichtkontakt haben. Haben die Tiere bereits, zum Beispiel durch Gitterstäbe, Kontakt, bauen sich Aggressionen auf, die die Zusammenführung erschweren oder schlimmstenfalls unmöglich machen. Diese Aggressionen entstehen dadurch, dass die Kaninchen zueinander wollen, um die Rangordnung zu klären. Das ist ihnen durch die Gitterstäbe aber nicht möglich.

  • Nicht jedes Kaninchen versteht sich mit jedem! Wir wollen auch nicht gleich mit jedem kuscheln und manchmal stimmt trotz Beachten aller Regeln einfach die Chemie nicht. Deswegen sollte schon im Vorfeld eingeplant werden, dass das neue Tier eventuell wieder zurückgegeben werden muss – in Tierheimen und Tierschutzorganisationen ist dies meist möglich. Hier heißt es nur nicht aufzugeben, für jeden Topf gibt es auch einen passenden Deckel! Manchmal findet man ihn schnell und unkompliziert, in seltenen Fällen muss man etwas Geduld mitbringen. Aber es lohnt sich immer! Sind die Kaninchen etwa gleich alt und die Geschlechter sind ausgeglichen, besteht eine gute Chance, dass sie sich verstehen.

3. Vorbereitung des Vergesellschaftungsortes
Der Bereich, in dem die Zusammenführung stattfinden soll, muss neutral sein.
Das heißt, dass noch kein Kaninchen vorher diesen Bereich betreten haben darf. Ansonsten würde es Revieransprüche stellen und dem Neuankömmling keine Chance geben, sondern ihn nur vertreiben wollen. Das Badezimmer bietet sich hier beispielsweise als Lösung an. Auf den Fliesen sollten Teppiche oder Laken ausgelegt werden, damit die Kaninchen nicht wegrutschen. Auch sollten alle Gegenstände, die bei der Vergesellschaftung im Gehege stehen sollen (Häuschen, Näpfe etc.) vorher gründlich mit Essigwasser gereinigt werden. So sind alle Revieransprüche zunichte gemacht worden, da das Essigwasser den Eigengeruch überdeckt. Steht ein neutraler Ort nicht zur Verfügung, muss der reviermarkierte Bereich komplett und gründlich mit Essigwasser gereinigt werden. Außerdem bietet es sich an, die Einrichtung auszutauschen und gänzlich umzustellen. So muss auch das alteingesessene Kaninchen erstmal das Gebiet neu erkunden.

Bedenke bei der Auswahl des Ortes, dass eine Zusammenführung durchaus mehrere Wochen dauern kann und die Tiere in dieser Zeit nicht getrennt werden dürfen. Andernfalls würde die Vergesellschaftung immer wieder von vorne beginnen und unnötigen Stress nach sich ziehen. Daher sollte eine Vergesellschaftung nicht auf einem ungesicherten Gartenstück stattfinden. Garage, Keller, Schuppen und Dachboden sind beliebte und meist geeignete Plätze für eine Vergesellschaftung. 2 Wochen sollte man mindestens am Vergesellschaftungsort einplanen.

Platzangebot: Die Tiere benötigen ausreichend Platz, 2-3m² pro Tier, um die Möglichkeit zu haben, sich zurückzuziehen. Sie sollten über die Dauer der Vergesellschaftung aber keinen zusätzlichen Auslauf bekommen. Selbst ängstliche und zurückhaltende Kaninchen können während einer Vergesellschaftung eine neue Seite von sich zeigen. Um Spannungen und Aggressionen von vorn herein abzuschwächen, ist eine möglichst große Fläche empfehlenswert. Je größer das Platzangebot ist, desto unwahrscheinlicher sind ernsthafte Verletzungen, aber desto länger kann die Zusammenführung auch dauern. Es ist aber wichtig, dass es auch Rückzugszonen gibt und die Kaninchen sich auch aus den Augen gehen können, um neue Kraft zu sammeln. Ungeduldige Halter verkleinern das Gehege oft nach wenigen Tagen, oder sogar Stunden, damit die Kaninchen sich endlich miteinander beschäftigen statt sich aus dem Weg zu gehen. Diese Methode lehnen wir ab. Die Kaninchen wissen schon, dass da noch ein Artgenosse ist, man sollte ihnen die Zeit geben, die sie brauchen und sie zu nichts drängen. Denn durch Zwang entstandene Bindungen sind meist sehr brüchig und früher oder später kracht es dann doch nochmal richtig. Dadurch hat niemand etwas gewonnen.

Einrichtung: Pro Tier muss mindestens eine Versteckmöglichkeit zur Verfügung stehen. Diese sollten stets zwei Ausgänge auf verschiedenen Seiten haben, damit kein Tier „in die Enge getrieben“ werden kann und in einer Sackgasse festsitzt. Ratsam sind z. B. Pappkartons, Tunnel, Strohtunnel oder große Häuschen. Des Weiteren sollten mehrere Wasser- und Heuplätze im Gehege verteilt werden, damit jedes Tier die Möglichkeit hat zu fressen und zu trinken, ohne von anderen Kaninchen vertrieben zu werden. Frischfutter kann im ganzen Gehege verteilt werden. Das lenkt die Tiere ab und sie verknüpfen mit dem anderen Kaninchen sogar gleich eine positive Erfahrung. In dieser Zeit dürfen auch ein paar mehr Leckerlies verteilt werden. Ebenso bieten sich Dill und Petersilie, Topinambur oder andere besondere Köstlichkeiten an.

4. Das Zusammenführen
Alle Kaninchen werden gleichzeitig in das fertig eingerichtete und gereinigte Gehege gesetzt. Nun werden die Kaninchen sich sehen, aufeinander zugehen und mehr oder weniger schnell die Rangordnung ausfechten. Dies kann einerseits sehr harmonisch verlaufen (Liebe auf den ersten Blick) oder mit kleinen Beißereien einhergehen. Jagen, Beißen, Zwicken, Fell ausreißen, markieren, klopfen und stampfen sollten dich nicht verunsichern. Genauso wenig wie das Rammeln. In diesem Fall werden das nicht nur die Männchen, sondern auch die Weibchen tun. Dies ist eine völlig normale Dominanzgeste, um den anderen zu zeigen, wer hier der Chef ist. All diese Verhaltensweisen sind völlig normal und es besteht kein Grund einzugreifen, auch wenn es wild zugeht. Diese Prozedur sieht meist schlimmer aus, als sie ist. Bleibe trotzdem erst mal in der Nähe und schaue genau zu, was passiert. Verbeißen sich die Kaninchen (lassen nicht mehr voneinander los und bilden ein Knäuel), müssen sie voneinander getrennt werden. (Nur mit dicken Handschuhen!) Sie werden überall auf Wunden untersucht und wenn alles in Ordnung ist, wieder in das Gehege gesetzt und mit Leckerlies und Streicheleinheiten abgelenkt.

Jagen und Zwicken ist kein Grund, eine Vergesellschaftung abzubrechen! Nur wenn eines der Kaninchen schlimme, blutige Verletzungen (schaue hierfür auch an den Geschlechtsteilen und unter dem Bauch nach) davonträgt, sollte die Zusammenführung unterbrochen und schnellstens ein Tierarzt aufgesucht werden. Ausgerissenes Fell oder kleinere Bisswunden, vor allem Widderohren können stark in Mitleidenschaft gezogen werden, gehören leider zum ganz natürlichen Verhalten, wenn sich unbekannte Kaninchen das erste Mal begegnen. Unnötige Trennungen während der Zusammenführung führen dazu, dass die Tiere jedes Mal von vorne ihre Rangordnungskämpfe austragen, eventuell sogar schlimmer als zuvor. Streichle deine Kaninchen abwechselnd, wenn ihnen danach ist. Dies schafft auch eine angenehme Atmosphäre und der Geruch des einen wird auf den anderen übertragen. Jedes Tier sollte die Möglichkeit haben, an Futter und Wasser zu gelangen und nicht von dort verscheucht werden. Ist dies der Fall, müssen mehr Futter- und Wasserstellen eingerichtet werden. Manchmal liegt ein Kaninchen ziemlich erschöpft in einer Ecke, auch das ist bis zu einem gewissen Grad normal. Wichtig ist, dass es nicht aufhört zu fressen und seine Lieblingsleckerlies noch annimmt. Im Zweifelsfall bietet es sich an, die erste Vergesellschaftung mit einer bereits erfahrenen Person zu machen bzw. einen Ansprechpartner zu haben. Denn grade die allererste Zusammenführung kann sehr nervenaufreibend sein.

Eine Vergesellschaftung ist erst dann abgeschlossen, wenn die Kaninchen problemlos zusammen fressen, sich entspannen und sich gegenseitig putzen, sie sich nicht mehr beißen und die Atmosphäre entspannt ist. Kleine Zickereien oder Jagereien treten immer wieder mal auf, auch das ist völlig normal. Streit kommt schließlich auch in der besten Familie mal vor. Hält diese gute Stimmung einige Tage an, können die Kaninchen ins endgültige Gehege umziehen. 2 Wochen sollte man sie jedoch mindestens am Vergesellschaftungsort lassen. Auch wenn es schon vorher friedlich zugeht, bietet es sich an, sie noch etwas länger dort zu lassen, damit sich die Bindung festigen kann, bevor es ggf. zurück ins alte Revier geht. Außerdem versucht das rangniedrigere Tier erfahrungsgemäß nach 2 Wochen, ob es an der Rangordnung nicht doch noch etwas drehen kann. Denn dann hatte es Zeit sich mit der Situation vertraut zu machen, Kraft und neues Selbstbewusstsein zu sammeln. Es ist also ganz natürlich, wenn auf eine bereits friedliche Phase nochmal Jagereien folgen. Um dem vorzubeugen, raten wir von zusätzlichem Auslauf während der Vergesellschaftung ab.

Geht es nach der Vergesellschaftung zurück in das Gehege, wo das vorhandene Tier bereits gelebt hat, sollte dies auch mit Essigwasser gründlich gereinigt werden, damit die Zusammenführung nicht wieder von vorne losgeht, weil das alteingesessene Kaninchen wieder Revieransprüche stellt. Zusätzlich ist es sinnvoll, die Einrichtungsgegenstände umzustellen. Es können trotzdem in der ersten Zeit noch kleine Jagdszenen vorkommen, die nochmal an den Anfang der Vergesellschaftung erinnern. Dies ist auch normal, wenn sie sich nach kurzer Zeit wieder legen. Verteiltes Futter im Gehege kann auch hier nochmal Ablenkung verschaffen. Auch in einer schon länger zusammenlebenden Gruppe (oder Pärchen) gibt es immer mal wieder kleine Raufereien, besonders oft im Frühjahr, wenn die Weibchen scheinträchtig sind oder Frühlingsgefühle haben.

Die Vergesellschaftung funktioniert nicht, obwohl alle oben aufgeführten „Regeln“ eingehalten wurden? Wenn nichts mehr hilft, helfen wir gerne weiter: Kontakt

Erfahrungsbericht: Vergesellschaftung (Karo)
Erfahrungsbericht: Vergesellschaftung (Nadja)


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