Enzephalitozoonose (E.c.)

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Allgemeines
Die Enzephalitozoonose ist die häufigste Ursache für neurologische Ausfallerscheinungen bei Kaninchen. Zeigen Kaninchen neurologische Symptome, ist in 85% der Fälle E.c. beteiligt. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf die auch als Schiefhals oder Sternenguckerkrankheit bezeichnete Erkrankung zu werfen.

Der Erreger ist Encephalitozoon cuniculi (kurz: E.c.). Er gehört zur Klasse der Microspora. Dies sind kleine, einzellige Parasiten, welche sehr eng mit den Pilzen verwandt sind. Sie dringen in verschiedene Körperzellen des Wirts (Tier, welches von Erreger befallen wurde) ein, wobei E.c. in erster Linie Kaninchen bevorzugt. Charakteristisch für Microspora ist die sogenannte Spore, also ein Entwicklungsstadium, welches auch außerhalb des Wirts monatelang überleben und infektiös bleiben kann.

E.c. ist die einzige bekannte Microspora-Art bei Kaninchen, aber dafür besonders häufig: Etwa die Hälfte aller Hauskaninchen trägt den Erreger in sich, allerdings ist es nur ein Bruchteil der Tiere, bei dem die Krankheit tatsächlich ausbricht. Die Ursache für den Krankheitsausbruch ist nicht eindeutig geklärt. Stress ist einer der Faktoren, der als Verursacher in Frage kommt.

Der Erreger hat eine hohe Affinität zu ZNS- & Nierengewebe. Das heißt, er befällt in erster Linie Gehirn, Rückenmark, Auge und Niere, aber auch andere Organe, indem er sie über das Blut erreicht. Dies bedeutet, dass der Erreger sich im Gehirn ansetzen und die typischen Symptome verursachen kann, muss aber nicht! Es können auch andere, weniger typische Verlaufsformen (z.B. extreme Krankheitsanfälligkeit) auftreten, für die E.c. der Verursacher ist.

Ursache
Kaninchen infizieren sich mit E.c. in erster Linie durch perorale Aufnahme (also z.B. fressen sie kontaminiertes Futter) der Sporen. Diese werden vor allem mit dem Harn der Kaninchen ausgeschieden und so in der Umgebung verbreitet. Weniger häufig ist eine sogenannte intrauterine Infektion, d.h. das bereits erkrankte Muttertier gibt die Erreger über die Placenta an die Nachkommen weiter und diese kommen quasi schon mit E.c. auf die Welt.

Symptome
Eine Infektion mit E.c. kann jahrelang, oft auch lebenslang unentdeckt bleiben und beeinträchtigt das Kaninchen in diesem Falle nicht. Symptome treten altersunabhängig, oft scheinbar plötzlich auf, können aber durch Stress begünstigt sein. Viele von ihnen werden dadurch verursacht, dass der Parasit befallene Organe (z.B. das zentrale Nervensystem) schädigt und dort Entzündungen verursacht.

Besonders charakteristisch für E.c. sind die Schiefhaltung des Kopfes (Torticollis, Ophistotonus), unkoordinierte Bewegungen, Überempfindlichkeit der Nerven und die Lähmung der Hinterhand, woraufhin sich dort schnell die Muskulatur zurückbildet, da sie nicht mehr genutzt wird. Durch die Bewegungsstörungen können betroffene Kaninchen häufig kaum noch fressen und verlieren deshalb schnell an Gewicht. 

Seltener ist auch eine Uveitis (= Entzündung der mittleren Augenhaut, Uvea), Linsentrübung oder der Ausfall der Kopfnerven zu beobachten. Letzterer äußert sich dann meist in einer Fazialislähmung. Die Kaninchen können also ihre Gesichtsmuskulatur nicht mehr bewegen, da der entsprechende Nerv nicht mehr arbeitet, woraufhin auch der Lidschluss nicht mehr funktioniert und die Augen schnell trocken werden.

In fortgeschrittenem Stadium können Kaninchen nicht mehr stillsitzen, sondern drehen sich ständig um ihre eigene Achse.

Auch kommen anfallsartige Krankheitsformen vor, bei welchen die Kaninchen zucken, als hätten sie epileptische Anfälle. Oft wechseln die Kaninchen auch zwischen einer Phase, wo sie überhaupt nicht ansprechbar sind und Phasen, wo sie vollkommen unreflektiert z.B. gegen Wände oder Gegenstände im Gehege laufen. Gelegentlich kommt es sogar zu einer zentralen Blind- und/oder Taubheit, was die Kaninchen in ihrer Koordination zusätzlich einschränkt.

Trotz massiver neurologischer Ausfallerscheinungen haben die Kaninchen i.d.R. ein gutes Allgemeinbefinden, sie wirken zwischen den Anfällen also meist völlig vital.

Verlauf
Es wird vermutet, dass zuerst nur oberflächliche Zellen (z.B. auf der Darmoberfläche) befallen werden, bevor der Erreger über den Blutkreislauf in diverse Organe streut. 3-4 Monate nach der Infektion sind schließlich meist das zentrale Nervensystem, die Nieren und gelegentlich das Herz befallen. In allen betroffenen Organen verursachen die Parasiten schnell Entzündungen, da das Immunsystem so versucht, den Störfaktor abzustoßen. Außerdem wird aktuell diskutiert, ob E.c. auch ein Verursacher für Blasengrieß sein könnte, da der Erreger eben u.a. die Niere angreift. Bei Kaninchen mit intaktem Immunsystem entwickelt sich eine chronische Infektion mit E. cuniculi, erkennbar an den Blutwerten, welche dann anhaltende Entzündungsprozesse und einen dauerhaft hohen Antikörpertiter anzeigen. Vor klinischem Ausbruch der Krankheit schützen die Immunzellen, welche spezielle Stoffe ausschütten, die wiederum auf andere Zellen wirken und deren Arbeit zugunsten der Gesundheit entsprechend steigern oder hemmen.

Behandlung
Bei Verdacht auf E.c. wird das Blutserum des Kaninchens auf E.c.-Antikörper untersucht, es wird also der Antikörpertiter (= Konzentration der Antikörper gegen E.c. im Blut) bestimmt. Ein hoher Antikörpertiter heißt nicht zwangsläufig, dass das Kaninchen nun die klinische Erkrankung hat, sondern erst einmal nur, dass das Tier schon einmal Kontakt zu dem Erreger hatte und das Immunsystem darauf reagiert hat. Jedoch liegt der Verdacht auf E.c. nun natürlich besonders nahe. Während eines akuten Schubs wird E.c. wegen seiner Nierengängigkeit mit dem Urin der Tiere ausgeschieden. Es sollte also eine Urinprobe auf E.c. untersucht werden. Hier kann der Erreger direkt nachgewiesen werden, d.h., wenn der Urintest positiv ist, werden die Symptome des Tiers sicher durch E.c. verursacht.

Allerdings ist zu beachten, dass der Antikörpertiter erst 2-3 Wochen nach der Infektion ansteigt. Ist der Antikörpertiter also niedrig, ist es gut möglich, dass die E.c.-Infektion zum Zeitpunkt der Blutuntersuchung noch zu neu war. Wird keine andere Ursache für die Symptome gefunden, ist es also ratsam, die Untersuchung auf Antikörper zu einem späteren Zeitpunkt erneut durchzuführen.

Da E.c. auch eine chronische Niereninsuffizienz verursachen kann, sollten auch die Nierenwerte kontrolliert werden, um diese auszuschließen. Da der Erreger E.c. nie direkt nachgewiesen werden kann, ist E.c. stets nur eine Verdachtsdiagnose aufgrund der Symptome und den gemessenen Werten! Um diese Verdachtsdiagnose sicher stellen zu können, müssen alle anderen Erkrankungen, die die Symptome des Kaninchens verursachen könnten (Innenohr-/Mittelohrentzündung, Schlaganfall/Aneurysma, Trauma (z.B. Sturz, wobei der Wirbelkanal verletzt wurde), Toxoplasmose) ausgeschlossen werden.

Mit folgenden Medikamenten wird E.c. behandelt: 1) Panacur 2) Vitamin B 3) Antibiotikum 4) Infusionen 5) In Extremfällen Cortison/Dexamethason. Bei allen genannten Medikamenten handelt es sich lediglich um eine symptomatische Behandlung, welche die Symptome, aber nicht die Ursache (den Erreger selbst) bekämpft. Das heißt, ein Kaninchen ist nach dieser Behandlung nicht geheilt, sondern lediglich seine Beschwerden sind abgeklungen und können zu einem späteren Zeitpunkt theoretisch wieder auftreten. Der Behandlungserfolg ist zudem stark vom Immunsystem des Kaninchens und der Art der Ausfallerscheinungen abhängig.

  1. Panacur (Wirkstoff Fenbendazol) ist eigentlich ein Wurmmittel, tötet aber auch Protozoen, sprich u.a. E.c. ab und wird über 4 Wochen oral verabreicht. Zwar wirkt es direkt gegen die Parasiten, aber nur für den Zeitraum der Verabreichung und auch nur dort, wo der Wirkstoff direkt hinkommt, also im Darm. Es bewirkt also nur, dass der Erregernachschub, welcher sich (noch) im Darm befindet, nicht in die Blutbahn gelangen kann und sich die Menge der Erreger in den anderen Organen nicht mehr erhöht. Die Erreger im Gehirn werden nicht angegriffen, da das Medikament die Blut-Hirn-Schranke (= Barriere zwischen Blut und Gehirn, die unter gesunden Bedingungen unkontrollierten Übertritt und damit neurologische Schäden verhindert) nicht passieren kann, sofern sie noch intakt ist. Panacur ist also (leider) kein Wundermittel, welches die Parasiten in allen Organen direkt abtötet. (Alle Mittel, die dazu in der Lage wären, sind für das Kaninchen in den erforderlichen Mengen giftig.)
  2. Vitamin B wird verabreicht, um den Wiederaufbau der durch E.c. geschädigten Nerven zu fördern. Normalerweise führen sich Kaninchen Vitamin B über den Blinddarmkot selbst zu. Aufgrund der Bewegungsstörungen sind sie dadurch jedoch nun nicht mehr in der Lage und müssen deshalb dahingehend unterstützt werden.

  3. Zu diesem Zweck wird auch das Antibiotikum (z.B. Baytril) verabreicht.
  4. Das Kaninchen bekommt Infusionen mit einer Vollelektrolytlösungunter die Haut (subcutan), um die Durchflussrate der Niere zu steigern. So wird verhindert, dass die Erreger sich übermäßig in der Niere ansiedeln, da sie größtenteils ausgespültwerden. Aus diesem Grund sollte auch vermehrt wasserhaltiges (oder sogar zusätzlich in Wasser getränktes) Frischfutter verfüttert werden. Bei Kaninchen, die nicht fressen, müssen täglich zusätzlich zum Päppeln 10ml Wasser mit einer Spritze ins Mäulchen gegeben werden.
  5. In Extremfällen muss der Tierarzt dem Kaninchen Cortison spritzen. Dies wird nur bei extrem schweren Symptomen, sozusagen als letzter Ausweg, getan, da Kaninchen Cortison schlecht vertragen. Dennoch ist es unter Umständen erforderlich, wenn das Gehirn durch die Entzündung bereits zu stark angeschwollen ist. Problematisch ist hierbei, dass Cortison das Immunsystem herabsetzt, welches normalerweise Bakterien bekämpfen soll. Zu diesem Zweck muss nun vermehrt Antibiotikum verabreicht werden, damit das Kaninchen sich keine weiteren Infektionen zuzieht. Außerdem sollte das Immunsystem des Kaninchens dann mit Paramunitätsinducern (z.B. Zylexis) gestärkt werden.

Frisst das Kaninchen schlecht, muss es zwangsernährt werden. Oft gelangt es aber aufgrund seiner Bewegungsstörungen einfach nicht ans Futter und kann deshalb nicht fressen, obwohl es eigentlich möchte. Das Futter sollte also möglichst so angerichtet werden, dass das Kaninchen eine Chance hat, selbst zu fressen (z.B. mehrere Futterplätze schaffen).

Auch liegen betroffene Kaninchen oft vermehrt auf der Seite, also auch auf dem Auge. Ist dies der Fall, sollten Auge und Umgebung regelmäßig mit Bepanthen oder Posiformin-Augensalbe eingerieben werden. Dies sind Wund- und Heilsalben, die verhindern, dass dieser empfindliche Bereich austrocknet. Die Anogenitalregion des Kaninchens muss täglich auf Nässe durch Urin oder gar Kot untersucht werden. Ist das Hinterteil verschmutzt, muss das Kaninchen gewaschen werden, um einen Befall mit Fliegenmaden zu verhindern. Wichtig ist auch, den Tieren genügend Raum auf rutschfestem Untergrund zur Verfügung zu stellen, damit sie die Koordination ihrer Bewegungen selbst üben können.

Der Erfolg der Behandlung ist, wie oben erwähnt, stark von der Art der neurologischen Ausfallerscheinungen abhängig. Zentrale Blind- und Taubheit sind durch die medikamentöse Behandlung i.d.R. schnell in den Griff zu kriegen. Bei unkoordinierten Bewegungen und Kopfschiefhaltung gilt: Je schneller medikamentös eingegriffen wird, umso größer ist auch der Behandlungserfolg. Bei manchen Kaninchen dauert es nach Abschluss der Behandlung Monate, bis die Schiefhaltung des Kopfes verschwindet. Einige behalten sogar ihr Leben lang einen schiefen Kopf, dies beeinträchtigt sie jedoch kaum. Bei gelähmten Hintergliedmaßen sieht die Prognose deutlich schlechter aus, vor allem, wenn sich die Muskeln bereits erkennbar zurückgebildet haben. In solch einem Fall muss die Muskulatur unbedingt mittels Physiotherapie wiederaufgebaut werden.

Obwohl die Symptome furchtbar schmerzhaft aussehen, sind sie nicht schmerzhaft und außerdem erholen sich die Kaninchen bei Behandlung (s.o.) i.d.R. nach einiger Zeit und sind meist auch während des Krankheitsverlaufes außerhalb der Ausfallerscheinungen äußerst vital und zeigen einen deutlichen Lebenswillen. Es ist normal, dass es den Kaninchen zu Behandlungsbeginn oft zunächst schlechter geht, aber spätestens nach 2 Wochen ist eine Besserung der Symptome zu erwarten. Ist ein E.c.-Schub erst einmal überstanden, haben viele Kaninchen ihr Leben lang keine Rückfälle. Sollte es doch einmal dazu kommen, ist dies kein Grund um aufzugeben! Eine Euthanasie ist bei E.c. nur in sehr seltenen Fällen notwendig. Wenn ein Kaninchen schon einmal an E.c. erkrankt ist, sollten danach einmal jährlich die Leber- & Nierenwerte gecheckt werden.

Der Erreger E.c. kann bei normalen Temperaturen über 2 Jahre überleben und damit noch nicht infizierte Tiere kein E.c. bekommen, sollte der Erreger in Gehege und Umgebung mit wirksamem Desinfektionsmittel (2% Lyol und 10% Formalin oder 70% Alkohol, 10 Minuten einwirken lassen) abgetötet werden. Ist ein Kaninchen in der Gruppe an E.c. erkrankt, haben sich die Partnertiere in den meisten Fällen allerdings längst angesteckt, da die Tiere den Erreger in akuten Phasen ständig mit dem Urin ausscheiden. Dies sollte bei der Desinfektion berücksichtigt werden. Auch sind die Inhaltsstoffe des Desinfektionsmittels natürlich giftig, wenn sie von den Kaninchen aufgenommen werden, also sollte das Desinfektionsmittel später mit Wasser abgewaschen werden. Aus Angst vor einer Ansteckung sollte das erkrankte Kaninchen niemals von seinen Artgenossen separiert werden. Im Gegenteil: Die Anwesenheit der geliebten Artgenossen fördert das Gesundwerden des kranken Tieres.

Schutz
Wie bereits am Anfang erwähnt, ist ein Großteil der Kaninchen mit einer gewissen Menge E.c. befallen, ohne dass es jemals zu Symptomen kommt. Risikobereiche zur Ansteckung sind allgemein Orte, wo Kaninchen aus verschiedener Herkunft auf engem Raum gehalten werden, also z.B. Ausstellungen oder Gruppenhaltung in Zoogeschäften. Bei entsprechender Hygiene ist die Gefahr einer Ansteckung gering.

Abschließend soll noch erwähnt werden, dass es sich bei E.c. um eine Zoonose handelt, d.h., der Parasit ist prinzipiell auf andere Haustiere und auch den Menschen übertragbar. Jedoch ist eine Übertragung nur bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem (in erster Linie HIV-Patienten) nachgewiesen. Sicherheitshalber sollten aber auch Babys und Kleinkinder keinen Kontakt zu infizierten Tieren haben, da ihr Immunsystem noch nicht richtig ausgebildet ist. Allerdings wird hierbei oft vergessen, dass Kaninchen, die an E.c. erkranken, den Erreger meist schon lange vorher in sich trugen und „nur“ weil sie klinische Symptome haben, scheiden sie nicht mehr Erreger aus als vorher. Hat also bisher keine Übertragung stattgefunden, ist diese auch nicht mehr zu erwarten.


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